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Im FokusZweites Leben für Laptop und Co.

Bei der AfB bereiten Menschen mit und ohne Behinderungen IT-Geräte zur Wiederverwertung auf

Paul Cvilak hat etwas von einem Visionär. „Lasst uns beweisen, dass wir ein Unternehmen im IT-Bereich aufbauen können, das sich konkurrenzfähig am Markt behaupten kann und dabei einen Dienst an der Gesellschaft leistet“, sagte der charismatische Unternehmer 2004. Und gründete am 4. Oktober des gleichen Jahres im baden-württembergischen Ettlingen die AfB gemeinnützige GmbH (Arbeit für Menschen mit Behinderungen). Die Geburtsstunde einer außergewöhnlichen Inklusions-Erfolgsgeschichte.

Ein Mann sitzt vor einem Laptop

Fortsetzung des Fokus-Artikels

Über 15 Jahre später. Jutta Dieckmann sitzt an ihrem Schreibtisch in der geräumigen Aufbereitungshalle der AfB an der Otto-Stadler-Straße in Paderborn. Mit einem Heißluftfön löst sie Etiketten und Aufkle­ber von Netzteilen und Adaptern. „Ich sortiere die Netzteile nach Hersteller und Amperezahl“, erklärt sie.

Jutta Dieckmann ist Bestandteil eines bis ins Detail organisierten und perfekt getakteten Systems von Abholung, Datenvernichtung, Aufbereitung, Wie­dervermarktung und Entsorgung von IT- und Mobil­geräten. Die AfB gilt als Europas erstes und größtes gemeinnütziges IT-Unternehmen – und befindet sich weiter auf strammem Wachstumskurs.

Der Betrieb ist darauf spezialisiert, ausgemusterte IT-Geräte von Unternehmen, Versicherungen, Banken und öffent­lichen Einrichtungen zu übernehmen und dabei so viele Geräte wie möglich wieder zu vermarkten. U.a. über den eigenen AfB-Shop.

Der vom LWL geförderte Inklusionsbetrieb bearbei­tet jährlich mehr als 360.000 Geräte, die er von mehr als 700 Unternehmen zur Verfügung gestellt bekommt. Menschen mit Handicap wie Jutta Dieck­mann stellen fast die Hälfte der gut 380 Beschäf­tigten. Am Standort Paderborn sind es 16 von 33 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

„Wir haben 2018 mit zwölf Leuten hier angefangen“, erzählt der Niederlassungsleiter Dietmar Mormann. Um dann personell rasch aufzustocken. „Paderborn mit seinen IT-Unternehmen hat einfach das Potenzial.“

Der Markt für diesen Wiederverwendungskreislauf ist größer als man meint. „Wir arbeiten mit Konzer­nen wie Thyssen-Krupp, RWE oder Siemens zusam­men, aber auch mit regionalen Firmen, Behörden und Institutionen“, sagt die AfB-Prokuristin Monika Braun.

Neben der Datenvernichtung werden die Geräte erfasst, getestet, gereinigt, mit neuer Software bespielt und anschließend verkauft – mit bis zu drei Jahren Ge­währleistung. Nicht mehr vermarktbare Hardware wird unter höchsten ökologischen Standards zerlegt und recycelt. Der ursprüngliche Eigentümer der Geräte erhält alle relevanten Nachweise zur Daten­vernichtung.

Eine Zusammenarbeit mit der AfB ist nicht nur gut für das soziale und ökologische Gewissen, sie kann ein echter Wettbewerbsvorteil sein. „Das durch eine Partnerschaft mit der AfB gezeigte gesellschaftliche Engagement kann am Point-of-Sale unserer Partner kommuniziert und somit als Vertriebsvorteil ge­nutzt werden“, heißt es auf einem Imageflyer des Unternehmens. Der Zusatz „social & green IT“ im Firmentitel weist darauf hin. Sozial ist die inklusive Ausrichtung der AfB, grün sind etwa Einsparungen von CO2, Rohstoffen und Energie durch die Wieder­verwertung der IT-Geräte.

Die AfB-Beschäftigten mit Behinderungen in Pader­born haben seelische, körperliche und Sinnesbeein­trächtigungen. „Aber das spielt im Arbeitsalltag keine Rolle“, sagt Monika Braun.

Martin Gasse etwa organisiert die Verteilung der Hardware am Waren­eingang. Dort werden die firmeneigenen Transporter entladen. „Ich sortiere und erfasse die hereinkom­menden Geräte“, sagt er.

Bernd Schmelter kümmert sich um die Detailerfas­sung im hauseigenen Warenwirtschaftssystem. Und er schaut, ob die Datenlöschung tatsächlich voll­ständig erfolgt ist: „Ich bin so etwas wie die letzte Instanz.“ Thomas Müller wiederum löscht Server. Gut und gerne 20 pro Tag. Dann sortiert er sie und macht die Enderfassung für den Verkauf. Für ihn ein Traumjob: „Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, woanders zu arbeiten.“

Das AfB-Konzept baut auf flache Hierarchien, alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter duzen sich; vom Firmengründer bis zum Praktikanten. Der Zusammenhalt ist groß.

Mehrmals im Jahr schaut auch AfB-Gründer Paul Cvilak in Paderborn vorbei. Er kennt fast alle Beschäftigten persönlich und nimmt sich Zeit für Gespräche. Seine Vision von 2004 ist längst Wirklichkeit geworden. In Paderborn und anderswo an einem der mittlerweile 18 Standorte in fünf europäischen Ländern.